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„Polardistans“ -- ein Rennen für Einsteiger!?
„Die Reise ist das Ziel“. Unter diesen Leitsatz stellten wir unsere Vorbereitungen und die Trainingläufe für dieses 300 km lange Rennen. durch die schwedische Wildnis. Um unsere Mitteldistanzhunde ohne mentalen Crash auf Langstrecke umzustellen, hatte sich Manfred letztendlich für dieses Rennen entschieden, da es am Ende der Saison – 11. Woche - stattfindet.
Und das, obwohl dem „Polardistans“, ein Rennen nur für reinrasssige Nordische, der Ruf mangelnder Organisation und schlechter Markierung voraus geht. Nicht zuletzt bedingt durch eine manchmal mehr als 50%-ige Aufgabe der Teilnehmer und entsprechender abenteuerlicher Storys. Sicherlich ist an dieser Veranstaltung noch manches verbesserungswürdig. In meinen Augen besonders die unglückliche Regelung, zerbrochene Schlitten nicht ersetzen zu dürfen, was eine Aufgabe des Teilnehmers zur Folge hat, obwohl manches Gespann durchaus noch voll einsetzbar war.
Vorwegstellen möchte ich jedoch die unglaubliche Leistung einer nicht mal 20-köpfigen, ehrenamtlichen Organisation von Polardog-Liebhabern, des SPHK-Västra, die das Rennen ohne wesentliche fremde Hilfe (Gemeinde etc.) möglich machte. Von Trail brechen, Trail markieren, Hunde und Ausrüstung checken, über Checkpointbesetzung Tag und Nacht, bis zum Musheressen wurde alles (!) von diesem Team selbst erledigt und organisiert. Dass nach 5 Tagen Rennen dann die Puste der Helfer langsam ausgeht, muss akzeptiert werden. Wer perfekte Rennbedingungen erwartet, ist hier fehl am Platz. Ein eigenverantwortlicher Musher, der ein besonderes Erlebnis mit seinem Polarhundeteam sucht, kommt allerdings voll auf seine Kosten und als solches will der Veranstalter das auch verstanden wissen. Die Regeln erscheinen auf den ersten Blick sehr streng, ganz besonders was das Alter der Hunde und die Ausrüstung angeht. Hunde, die älter als 9 Jahre sind, dürfen nur in Ausnahmefällen und mit vorher genehmigtem Tierarztattest starten und das Einstiegsalter beträgt volle 2 Jahre. Ausrüstung wird nach dem Start nur noch sporadisch kontrolliert. Die Rennleitung vertraut hier mehr auf Fair-Play und die Einsicht der Teilnehmer, auch für extreme Wetterbedingungen gerüstet sein zu müssen. Vielleicht kommt dieses Vertrauen auch durch eine uns bis dahin nicht bekannte nationale Regelung:
„Wer ohne die notwendige Ausrüstung in der Wildnis eine Rettungsaktion auslöst, der wird dafür in vollem Umfang zur Kasse gebeten.“ Dies erfuhren wir von einem schwedischen Freund, der als geprüfter Wildnisguide arbeitet.
An zwei aufeinanderfolgenden Tagen werden auf einem See zunächst die Pulka- und dann die Nomestyle Musher in einem Massenstart auf den Trail geschickt. So ist gewährleistet, dass das erste im Ziel eintreffende Pulka- bzw. Nomestyle-Gespann auch der Sieger ist.
Der Trail wird in drei verschiedenen „Schleifen“ gefahren, die alle zum Checkpoint „Off Road“ zurückführen. Hier wird den Teams ein Rastplatz in einer Art Schonung mittelgroßer Tannen zugewiesen. Es gibt ein beheiztes Gebäude, in dem die Tierärztin und der Checker sich aufhalten (können), eine warme Toilette, sowie kaltes Wasser für die Hunde und sonst nichts. Zelt , Essen für Hund und Musher, sowie die vorgeschriebene Ausrüstung und alles was man sonst noch für wünschenswert hält, haben im Packsack zu sein.
Die Streckenlänge beträgt für die erste Runde 130 km. Die Strecke hinauf ins Fjäll und zurück 95 km und das letzte Teilstück (85 km) ist wohl das „einsamste“ und am spärlichsten markierte des gesamten Rennens. Zum Abschluss dann noch einmal 5 km bis ins Ziel.
Das Rennen lässt den Pulkamushern 4 Tage und 9 Stunden und den Gespannfahrern 3 Tage und 9 Stunden Zeit, das Ziel zu erreichen. Alle in die Wertung kommenden Teams müssen bis Samstag um 18 Uhr im Ziel sein. Bei schlechten Wetterbedingungen kann man sich die Strecke so einteilen, dass man nicht unbedingt in der Nacht fahren muss. Solide vorbereitete Teams, die vom Start weg auf Ankommen fahren und sich nicht vom Rennfieber anstecken lassen, fallen nur bei gesundheitlichen Problemen oder Schlittenbruch raus.
Solide Vorbereitung, um das Rennen auch bei ungünstigen Wetterverhälnissen durchzufahren, hieß für uns, die Gespanne umzutrainieren. Für unsere Siberians bedeutete die Umstellung von gespurten MD-Trails auf kartoffelacker-ähnliche Schneemobil“trails“ und stundenlanges Tiefschneetreten einen mentalen Schock. Andere Muskeln waren gefragt als bei höherer Geschwindigkeit und eine entsprechende mentale Härte. Auf den gut präparierten deutschen Rennstrecken ist die Geschwindigkeit der Faktor, der über die Platzierung entscheidet. Bei unserem ersten Training einer Bergüberquerung im Sturm auf verwehter Spur war alles andere wichtiger! Selbst unsere besten Kommandoleader versagten frustriert, wenn sie die quer zu den Markierungen verlaufenden, festen Schneewehen verlassen sollten, um in der weißen Einöde imaginäre Trails zu suchen. An diesem Abend in den Fjälls von einem Sturm überrascht, schafften wir es nur zurück zum Bus, indem ich die Leader von einem Markierungskreuz zum nächsten zog, Mehrere Jahre Schwedenwinter-Erfahrung hatte uns bereits den richtigen Respekt vor den drastischen Wetterumschwüngen und der Wildnis gelehrt, aber dieser Trainingslauf offenbarte uns mitleidlos die bestehenden Mängel.
Ab diesem Zeitpunkt wurde bewusst auf verwehten und rustikalen Strecken gefahren und das Trail finden geübt. Dazwischen gab es jedoch auch mal festgefahrene Trails und ein MD-Rennen um die Hunde mental frisch zu halten. Unglücklicherweise fing sich unsere Meute auf dem Rennen eine Magen-Darmerkrankung ein. Trotz genügend mitgenommener Medikamente bekamen wir dies nicht richtig in den Griff, was sich auf die Intensität des Trainings niederschlug. Ungeachtet dieses limitierenden Umstands begann Manfred mit den Hunden nachts draußen zu campieren.
Drei Wochen vor dem Rennen bekamen wir Verstärkung für die Vorbereitungen. H.J.Ebert schickte seine einsatzfähigen Hunde mit Nadine, der Freundin seines Sohnes Falk zum Training hoch. Er wollte sich seinen Traum erfüllen und dieses Rennen einmal durchfahren, nachdem es im ersten Anlauf nicht geklappt hatte und er aufgeben musste. Drei von unseren Hunden waren für die Aufstockung in sein 6 Hundeteam vorgesehen. Falk hatte für Manfred und Nadine je einen nagelneuen modifizierten Langstreckenschlitten gebaut, denen unsere original Alka-Shan Cross-Country Modelle zu Grunde lagen. Er wusste, dass Manfred bei einem solchen Rennen auf Tradition setzt und Holzschlitten auch bei Crash fast immer mit Bordmitteln zu reparieren sind.
Die drei Wochen vergingen wie im Fluge mit Probepacken, Decken und Bootie nähen und langen Campingfahrten.
Beim Start des Rennens hatte unser Gespann ca. 1500 km an den Pfoten, viel weniger als wir geplant hatten. Drei Hunde aus H.J. Eberts Gespann noch viel weniger. Wegen der hartnäckigen Durchfallgeschichte gingen die Hunde nach meiner Vorstellung auch zu untergewichtig an den Start. Die Strategie wurde dieser Situation angepasst, was bedeutete, es verhalten angehen zu lassen und nach ca.80 km eine Pause von mindestens 3 Stunden einzulegen. Hunde mit zuwenig Unterhautfett können nicht ausreichend genug Flüssigkeit im Körper speichern, deshalb sollten Manfred u. Hans Jürgen in dieser Pause eine warme Fleischbrühe und die erforderlichen Energiesnacks füttern.
Zudem war es mit Minus 4 Grad und leichtem Schneefall ausgesprochen mild. Abends weitete sich dies dann zu einem kräftigen Schneesturm aus, der in kürzester Zeit im Tal 30 cm brachte und in den Fjälls bis zu 50 cm. Durch seine ausgiebige Pause kam Manfred erst nachts gegen 23 Uhr im Checkpoint an und das Ebert-Team 2 Stunden später. Vier Kilometer vor dem Checkpunkt hat Manfred nochmal einen 8-km-Abstecher den Berg rauf gemacht, weil er bei einem Abzweig den Kopf im Schlittensack hatte. Die Teams wirkten ok, obwohl der Neuschnee harte Arbeit erfordert hatte. Alle Hunde zeigten Appetit und bekamen ihre gewohnte Brühe und Snacks. Manfred versorgte sich selbst mit Expeditionsnahrung und stellte sein Zelt auf, da es immer noch kräftig schneite. Um 4 Uhr nachts wollte er aufstehen und um 5 Uhr abfahren, wenn seine Pflichtpause zu Ende war. Ich schlief im Bus und vorsichtshalber stellte ich den Wecker, um zu schauen ob er auch nicht verschlafen würde. Er hatte das Zelt bereits eingepackt, kochte Hundesuppe und Tee und verstaute die Decken der Hunde im Schlittensack. Während er seinen Hunden Booties anzog, ging ich zur Tierärztin, um das Gespann bereit zur Abfahrt zu melden. Ein unklar auftretender Hund wurde aus dem Gespann genommen. Nach Begutachtung des Teams leitete ich es auf den Trail und es verschwand in der Nacht für die zweite Etappe. Jedes Team hat dafür Sorge zu tragen, das seine Abfahrt vorher beim Checker gemeldet und bestätigt wird.
Nach 9 Stunden Tiefschneetreten fuhr Manfred um ca. 15 Uhr wieder im Checkpoint Off Road ein. Beim seinem Aufstieg in die Fjälls lag auf der Nordseite noch dichter Nebel über der Baumgrenze. Nachdem der Kamm überwunden war kam die Sonne hervor und es wurde sehr warm bis in den Plusbereich. Dies führte zu sulzigem Trail bei 30 bis 40 cm Neuschnee. Er hatte jede Stunde nur kurze Snackpausen eingelegt und fuhr ansonsten durch. Hans-Jürgen legte vor dem Checkpoint Lövhögen eine längere Pause ein, was sich für sein auf 5 Hunde reduziertes Team auszahlte. Er fuhr gegen Abend mit gut aussehenden Hunden ein, in Off Road ein.
Nach dieser Kräfte zehrenden Bergetappe mussten etliche der Teilnehmer aufgeben, so dass das Teilnehmerfeld deutlich zusammen schrumpfte.
Nach unserer ausgearbeiteten Strategie sollte die Teams nun 5 Stunden. Rast einlegen. Die Hunde wurden eingedeckt, getränkt und gefüttert. Manfred reduzierte das Gespann auf die 8 am frischesten aussehenden Hunde. Zwei schwächelnde Tiere durften in ihre Box.. Es war eine friedfertige Atmosphäre an diesem Spätnachmittag in der Sonne, der zu einem Schwatz einlud. Leider verbummelte Manfred dabei das Schlafen, was sich in der folgenden Nachtetappe rächen sollte.
Das Thermometer zeigte 8 Grad Minus als das Gespann um 20 Uhr auf die dritte Runde ging.
Manfred hatte zum Glück seine wasserdurchweichten leichten Stiefel gegen trockene Mukluks ausgetauscht. Ich kroch im Bus in meinem Schlafsack und fing nach einiger Zeit an zu frieren. Wind war aufgekommen und heulte über das Dach als ich auf das Thermometer schaute. Es war bereits auf -20 Grad gesunken. Ich startete den Bus und ließ ihn warmlaufen, da ohne Kabel und Steckdose die Motorheizung nicht einsatzbereit ist..
Gegen 5 Uhr am Morgen erwartete ich Manfred zurück. Es war -26 Grad und er überfällig. Dafür fuhr das nach im gestartete norwegische Team von Frode Bakke ein. Nach meiner Frage, ob er Manfred gesehen habe, rollte er nur seine übernächtigten Augen und zuckte die Achseln. Meine Befürchtungen, dass er sich verfahren habe, stellten sich als unbegründet heraus, als er eine Stunde später mit schreienden Hunden seinen Schlittensack kontrollieren ließ. Um vom Checkpoint Off Road zum Ziel zu gelangen, muss jedes Gespann noch mal 5 km über den See zum Startplatz zurückfahren.
Manfred hatte auf der Nachtetappe ein vor ihm fahrendes Gespann überholt. Danach waren seine Leader zur Spurensuche verdonnert, da der aufkommende Wind den Trail total verblasen hatte. Mit Kontaktlinsen für weitsehen konnte er auch nicht das GPS zur Hilfe einsezten um zu erkunden, wie weit es noch bis zum Haupttrail war. Gegen 1 Uhr nachts überfiel ihn der Sekundenschlaf. Aus Angst sein Gespann zu verlieren, fuhr er zu einem Unterstand, deckte die Hunde ein und kroch in seinen Schlafsack.
Gut zwei Stunden später war er wieder mit seinen Hunden unterwegs. Nachdem sie sich warmgelaufen hatten und auf den festen Schneemobiltrail einbogen, sauste das Gespann in bester MD-Geschwindigkeit bis zum Checkpoint.
An diesem bitterkalten Morgen fuhr ein übernächtigter, aber zufriedener Musher mit seinem Gespann der aufgehenden Sonne und dem Ziel entgegen.
„Das hat mir gefallen und das machen wir nächstes Jahr wieder und hoffentlich besser“ war sein Resümee.
Hans-Jürgen erreichte das Ziel gegen 15 Uhr, voller Euphorie über die Leistungsbereitschaft und den Kampfgeist seines Gespanns.
Den Mushern, die sich für dieses Rennen interessieren und es mal fahren wollen, geben wir gerne weitere Auskünfte.
(Anneliese Braun-Witschel)
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